Wissenschaftliche
Beilage der Albert-Heim-Stiftung
Schaltwirbel im Kreuz-Lendenbereich
- sind sie verantwortlich für das Cauda equina-Syndrom?
In
der tierärztlichen Praxis werden immer wieder Hunde vorgestellt, die
beim ins Auto springen, beim Treppen steigen oder bei der Mannarbeit
plötzlich aufschreien, die Aufgabe unterbrechen oder verweigern und
anschließend lahmen. Bei der genaueren Untersuchung stellt sich oftmals
heraus, dass sie an einem sogenannten Cauda equina Syndrom (CES) leiden.
Darunter verstehen wir ein Einklemmen oder eine Entzündung von Nerven am
Übergang der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein. Im Volksmund wird dieses
Phänomen treffend als Hexenschuss umschrieben. Das Syndrom kann in
verschiedenen Schweregraden und Formen auftreten, abhängig davon, welche
Nerven wie stark betroffen sind. Bei erkrankten Hunde werden denn auch
unterschiedliche Befunde erhoben, zum Beispiel:
• Schmerz im Kreuz-Lendenbereich, Schmerzen beim Strecken der
Hüftgelenke oder beim Hochbiegen des Schwanzes,
• Lahmheit oder Ausfalls Erscheinungen eines oder beider Hinterbeine,
• Empfindungsstörungen in den Hinterbeinen, im Schwanz oder um den
After,
• Muskelschwund in der Hinterhand,
• verminderte oder fehlende Reflexe in der Hinterhand,
• unkontrollierter Absatz von Harn oder von Kot.
Der Verdacht eines CES wird in der Regel durch eine
Röntgenkontrastuntersuchung oder durch ein Computertomogramm oder eine
Magnetresonanztomogramm erhärtet. Auf einer Röntgenaufnahme ohne
Kontrast hingegen kann die Diagnose nicht gestellt werden, da die Nerven
selber nicht sichtbar sind. Die Krankheit wurde von Prof. Dr. J. Lang in
einer früheren wissenschaftlichen Beilagen in dieser Zeitschrift
detailliert beschrieben. Bei der Untersuchung betroffener Hunde hat
Neurologe Dr. Frank Steffen beobachtet, dass viele von ihnen zwischen
Lende und Kreuzbein einen missgebildeten Wirbel, einen so genannten
Schaltwirbel oder Übergangswirbel aufwiesen. Er vermutete
-
und Anhaltspunkte dafür sind auch in der Literatur zu finden – dass
diese Missbildung das Auftreten eines CES begünstigt. Seine Beobachtung
löste einen ganze Kette von Fragen aus, die wir zu beantworten
versuchten, nämlich:
• Wie häufig kommen derartige Schaltwirbel bei Rassehunden vor?
• Bestehen unterschiedliche Formen?
• Treten sie bei gewissen Rassen gehäuft auf?
• Bestehen Unterschiede zwischen Rüden und Hündinnen?
• Werden sie vererbt oder wenn ja, wie?
• Besteht wirklich ein Zusammenhang zwischen Schaltwirbeln und CES?
Zur Beantwortung dieser Fragen wurden die Röntgenbilder von 4000 Hunden
aus 144 verschiedenen Rassen, die der HD-Kommission in Zürich zur
Beurteilung der Hüftgelenke vorgelegt worden waren, nachuntersucht.
Glücklicherweise konnte ohne Schwierigkeiten auf die große
Röntgenbildersammlung der HD-Kommission zurückgegriffen werden. Alle
Angaben zum Hund wurden anonymisiert, es wurden ausschließlich
statistisch nutzbare Daten, wie Rasse, Alter und Geschlecht erhoben.
Bevor wir unsere Ergebnisse betrachten und diskutieren, einige
Informationen zur Anatomie. Die Wirbelsäule besteht aus
einzelnen Wirbeln. Zwischen den Wirbelkörpern
liegt eine Zwischenwirbelscheibe (Diskus). Kleine Wirbelgelenke am
Wirbelbogen verbinden die Wirbelkörper untereinander. Die Wirbel selber
sind unterschiedlich geformt. Eine Besonderheit bildet das Kreuzbein,
das bei normalen Hunden aus 3 miteinander verwachsenen Wirbeln besteht.
Es verbindet die Wirbelsäule mit dem Becken (Abb. 1).
Ein Schaltwirbel ist ein missgebildeter Wirbel zwischen der
Lendenwirbelsäule und dem Kreuzbein. Er zeigt Eigenschaften von beiden
Wirbelsäulenabschnitten und wird deshalb als Übergangswirbel oder
Schaltwirbel bezeichnet. Schaltwirbel werden bei vielen Tierarten und
auch beim Menschen beobachtet. In der wissenschaftlichen Literatur
finden sich Hinweise, die besagen, dass Schaltwirbel beim Hund ein CES
begünstigen können. Der Grund ist vermutlich eine Schädigung der
Zwischenwirbelscheibe zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein und als
Folge davon ein Schädigung von Rückenmarksnerven, welche dort austreten.

Abb. 1: Normale Anatomie am Kreuz-LendenÜbergang. Der Hund liegt in
Rückenlage. Der letzte Lendenwirbel trägt beidseits normal
geformte Querfortsätze, das Kreuzbein besteht aus 3 verwachsenen
Wirbeln.
4000 Hunde untersucht
Was haben unsere Untersuchungen ergeben? Von den 4000 untersuchten
Hunde wiesen 138 oder rund 3,5% einen Schaltwirbel auf. Gehäuft waren
Schaltwirbel beim Deutschen Schäferhund und beim Grossen Schweizer
Sennenhund zu finden. Extrem häufig kam die Veränderung beim Shar-Pei
vor, wo jeder 5. Hund betroffen war. Allerdings konnten wir nur 26
Vertreter dieser Rasse untersuchen. Selten hingegen waren Schaltwirbel
bei Golden und Labrador Retriever, und überhaupt nicht zu finden waren
sie beim Appenzeller Sennenhund und beim Tervueren. Die Zahlen in
Tabelle 1 sollen einen Überblick über ihre Häufigkeit geben. Es sind nur
Rassen erwähnt, von denen mindestens 50 Hunde untersucht werden konnten.
Deshalb ist der Shar-Pei dort nicht aufgeführt. Die Missbildung dieser
Schaltwirbel ist sehr variabel. Deutlich unterschieden sich die
Querfortsätze, bei denen wir 3 verschiedene Typen beobachten konnten:
• lumbale oder freie, normale Querfortsätze ohne Verbindung zum Becken
• intermediäre Querfortsätze, die zum Teil mit dem Becken verbunden sind
• sakrale oder seitliche Fortsätze, die vollständig mit dem Becken
verbunden sind
Schaltwirbel, welche rechts und links den selben Typ Fortsätze trugen,
wurden als symmetrische, solche mit unterschiedlichen Fortsätzen, als
asymmetrische Schaltwirbel bezeichnet. Symmetrische und asymmetrische
traten praktisch gleich häufig auf (Abb. 2).

Abbildung 2:
Zwischen Lendenwirbelsäule (oben) und Kreuzbein liegt ein Schaltwirbel.
Er zeigt nur rechts im Bild einen normalen Querfortsatz,
auf der linken Seite ist dieser mit dem Becken verwachsen. Die
Verbindung zum Becken ist sehr asymmetrisch ausgebildet.
Welche Schlüsse können wir aus unseren Ergebnissen
ziehen? Schaltwirbel kommen relativ häufig vor, die einzelnen Rassen
sind aber sehr unterschiedlich betroffen. Das gehäufte Auftreten in
einzelnen Rassen deutet auf eine erbliche Veranlagung hin. Allerdings
ist im Moment weder der Erbgang noch die Heritabilität (d.h. der
Einfluss der Gene auf das Auftreten und die Form eines Schaltwirbels)
geklärt. Ein Unterschied in der Häufigkeit zwischen Rüden und Hündinnen
war nicht festzustellen, Schaltwirbel kamen bei beiden Geschlechtern
gleich häufig vor. Zur Klärung der Frage, ob zwischen einem Schaltwirbel
und einem CES ein Zusammenhang besteht, haben wir die Röntgenbilder von
92 Hunden mit nachgewiesenem CES nachgeprüft. Es zeigte sich, dass 15
von ihnen (16,3%) einen Schaltwirbel aufwiesen. Die Stelle der
Nervenschädigung lag stets zwischen dem letztem Lendenwirbel und dem
Schaltwirbel. Eine weitere Frage war, ob CES bei Hunden mit
Schaltwirbeln früher auftritt als bei anderen Hunden. Bei der Durchsicht
der 92 Hunde mit CES zeigte sich, dass das Durchschnittsalter der Hunde
mit Schaltwirbel bei knapp 5 Jahren lag, bei jenen ohne Schaltwirbel bei
rund 61/2 Jahren. Aus den gewonnen Daten lassen sich mehrere Schlüsse
ziehen: Hunde mit Schaltwirbel haben ein 5 mal höheres Risiko für
CES als Hunde ohne Schaltwirbel. Wenn Schaltwirbel keinen
Einfluss auf die Ausbildung eines CES hätten, sollten nur 3 der 92 CES
Hunde einen solchen Schaltwirbel zeigen. Gezählt haben wir aber 15
Hunde. Die meisten von ihnen (12 der 15 Hunde) zeigen einen
symmetrischen Schaltwirbel mit intermediären seitlichen Fortsätzen. Eine
ähnliche Verteilung der Schaltwirbel-Typen finden wir auch bei den 4000
klinisch unauffälligen Hunden der HD-Gruppe. Wir schließen daraus, dass
die Form der seitlichen Fortsätze für die Entstehung von CES keine
wesentliche Rolle spielt. Hunde mit einem Schaltwirbel erkranken
ein bis zwei Jahre früher am CES, als solche ohne Schaltwirbel.
Diese Beobachtung lässt vermuten, dass die Fehlbildung zu einem
vorzeitigen Verschleiß der Verbindung zwischen Lende und Kreuz und damit
zu früheren klinischen Anzeichen der Krankheit führt. Wie ist diese
Beobachtung zu erklären ? In der Lendenwirbelsäule ist die Beweglichkeit
zwischen den einzelnen Wirbeln am größten im Übergang Kreuz – Lende. Aus
Studien von Prof. Lang ist bekannt, dass bei Hunden mit einem
Schaltwirbel im Lumbosakralgelenk die Beweglichkeit und Kraftverteilung
verändert ist. Bei normalen Hunden über wiegt die Drehung, bei solchen
mit einem Schaltwirbel hingegen die Parallelverschiebung. Diese führt
vermehrt zu Scherkräften, was Schäden an der Bandscheibe und den Bändern
der Wirbelsäule verursacht. Diese Schäden sind vermutlich ein Grund für
das gehäufte Auftreten von CES bei Hunden mit einem Schaltwirbel. Eine
weitere Ursache ist die veränderte Beweglichkeit des Schaltwirbels.
Durch den Beckenkontakt ist er weniger beweglich. Als Folge werden der
nächste kopfwärts gelegene Diskus sowie die Bänder und Gelenke übermäßig
belastet, sie degenerieren vorzeitig. Dies wiederum begünstigt eine
Schädigung des Diskus und ein CES. Ähnliche Beobachtungen wurden auch
beim Menschen gemacht, wo Schaltwirbel zu Verengung des Wirbelkanals und
der Nervenwurzelkanals, Arthrose der kleinen Wirbelgelenke und zu
Diskusdegeneration unmittelbar kopfwärts des Schaltwirbels führen
können. Beobachtet wurde auch, dass der Diskus zwischen Schaltwirbel und
Kreuzbein nicht vollständig ausgebildet ist. Er besteht oftmals nur aus
bindegewebigem Material und enthält kaum gallertiges Puffergewebe
(Nukleusmaterial). Eine Diskushernie zwischen Schaltwirbel und Kreuzbein
ist deshalb relativ selten zu beobachten, weil gar kein Material für
einen Vorfall vorhanden ist. Auch bei unseren Hunden fehlten Hinweise
für eine Erkrankung der Zwischenwirbelscheibe zwischen Schaltwirbel und
dem Kreuzbein. Wird ein Schaltwirbel vererbt? Diese Frage können wir an
Hand unserer Daten weder beweisen noch verwerfen, die Verwandtschaft der
untersuchten Hunde ist nicht eng genug. Die unterschiedliche Häufung von
Schaltwirbeln bei den verschiedenen Rassen und das gelegentliche
Auftreten von mehreren Hunden mit Schaltwirbeln im selben Wurf lässt
aber die Vermutung aufkommen, dass Schaltwirbel in der Tat erblich
beeinflusst werden. Was folgern wir daraus? Wenn sich unser Verdacht
bestätigt, dass für das Auftreten eines Schaltwirbels eine genetische
Veranlagung besteht, sollten Hunde mit Schaltwirbeln nicht zur Zucht
verwendet werden. Es ist auch nicht ratsam, einen Hund mit einem
Schaltwirbel einer teuren und zeitaufwändigen Ausbildung zu unterziehen,
da er ein höheres Risiko hat, wegen einem CES vorzeitig aus der Arbeit
auszuscheiden.
Autoren:
Mark Flückiger, Natascha Damur-Djuric,
Joe Morgan, Michael Hässig und Frank Steffen
Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich

Schaltwirbel
- beeinflussen sie die Entwicklung der Hüftgelenke?
Jährlich werden in der Schweiz durch die
beiden HD-Kommissionen der Schweiz die Röntgenbilder von rund 2500
Hunden auf Hüftgelenksdysplasie (HD) geprüft. Darunter finden sich immer
wieder Hunde, bei denen der letzte Lendenwirbel oder der erste
Kreuzwirbel deutlich missgebildet ist. Die Missbildung kann sich in
verschiedenen Formen zeigen: Die Querfortsätze können einseitig oder
beidseitig verformt sein und sie können Kontakt mit dem Becken haben.
Zusätzlich kann die Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken auf einer
Seite verschoben oder verkürzt sein. Die Missbildung wird als
Schaltwirbel oder Übergangswirbel bezeichnet. Bei einigen dieser Hunde
sind auch die Hüftgelenke unterschiedlich ausgebildet Das eine
Gelenk ist normal geformt, während das andere Anzeichen von HD zeigt
oder die Hüftgelenke unterscheiden sich im HD-Grad. Vom Gesichtspunkt
der Genetik aus ist es aber unerklärlich, wieso die beiden Hüftgelenke
unterschiedlich ausgebildet werden. Auch Umwelteinflüsse wie die
Fütterung des Hundes sollten darauf keinen Einfluss haben, höchstens
eine Verletzung des einen Hüftgelenks könnte diesen Befund erklären.
Abbildung 1 zeigt die normale Anatomie der Hüftgelenke und des
Überganges zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein von unten gesehen,
Abbildung 2 zeigt einen asymmetrischen Schaltwirbel und eine
unter schiedliche HD-Ausprägung links – rechts. Es stellte sich deshalb
die Frage, ob der Schaltwirbel für die ungleiche Entwicklung der
Hüftgelenke beim Hund verantwortlich ist und wie der Befund zu erklären
ist. Der Züchter wiederum möchte wissen, ob er Hunde mit Schaltwirbel
mit gutem Gewissen in der Zucht einsetzen kann. Um die Fragen
beantworten zu können, haben wir die Röntgenbilder von 4000 zufällig
ausgewählten Hunden aus dem Bilderfundus der HD-Kommission Zürich
nachgeprüft. Insbesondere nachgegangen wurde folgenden Fragen:
1. Wie viele Hunde weisen einen Schaltwirbel auf?
2. Wie stark unterscheiden sich die beiden Hüftgelenke bezüglich HD im
Durchschnitt bei Hunden ohne Schaltwirbel?
3. Wie stark unterscheiden sich die beiden Hüftgelenke bezüglich HD im
Durchschnitt bei Hunden mit Schaltwirbel?
4. Ist der Unterschied statistisch signifi - kant d.h., ist ein
zufälliger Unterschied ausgeschlossen?
5. Welche Zuchtempfehlung können für einen Hund mit Schaltwirbel
abgegeben werden?

Aus unserem ersten Bericht zu
Schaltwirbeln geht hervor, dass 138 von 4000 Hunden oder knapp 3,5
Prozent einen Schaltwirbel aufwiesen. Dabei stammten die Bilder von
Hunden aus 144 verschiedenen Rassen. Je nach Rasse variierte die
Befallshäufigkeit zwischen 0 und 19 Prozent. Die zweite Frage ließ sich
an Hand der 3862 (4000–138) Hunde nachprüfen, die keinen
Schaltwirbel aufwiesen. Ihre Hüftgelenke waren rechts und links
mehrheitlich gleichartig ausgebildet und zwar sowohl bei Hunden mit
normalen und dysplastischen, das heißt fehl gebildeten Gelenken. Die
Gelenke unterschieden sich im Durchschnitt lediglich um 0,2 Punkte auf
der Schweizer Bewertungsskala, was lediglich 1/10 HD-Grad entspricht.
Bei den 138 Hunden mit Schaltwirbel zeigte sich ein anderes Bild.
Von diesen Hunden wiesen 68 einen symmetrischen, also auf beiden
Seiten gleich fehl bebildeten Schaltwirbel auf. Bei diesen Hunden
bestand in der Regel ebenfalls kein Unterschied im HD-Grad zwischen
rechtem und linkem Hüftgelenk. Die vereinzelt beobachtete Differenz im
HD-Grad war meistens auf eine Lockerheit der Hüftgelenke, die sich
unterschiedlich stark darstellte, oder auf ein leicht gradig verkipptes
Becken während dem Röntgen zurückzuführen. Bei den Hunden mit einem
asymmetrischen Schaltwirbel hingegen waren die Unterschiede im
HD-Grad ausgeprägter. So zeigten die 33 Hunde mit einem leicht
asymmetrischen Schaltwirbel des Typs lumbal/intermediär zwischen den
beiden Hüftgelenken bereits einen Unterschied von durchschnittlich 1,6
Punkten. Bei den 15 Hunden mit ausgeprägt asymmetrischen Schaltwirbel
vom Typ lumbal/sakral war der Unterschied zwischen den Gelenken mit 3,8
Punkten noch stärker. Das schlechtere Gelenk wies dabei Anzeichen einer
ungenügenden Pfannenentwicklung und einer übermäßigen Lockerheit auf.
Weiter auffällig war, dass stark asymmetrische Schaltwirbel gehäuft
verkippt waren, also nicht korrekt in einer Linie mit den benachbarten
Wirbeln ausgerichtet standen. Dabei trat diese Verkippung häufig
auch mit einer gleichzeitigen Verkippung des Beckens um seine Längsachse
auf. Die Folge war ein einseitiger Beckenhochstand und zwar auf jener
Seite, auf welcher der Schaltwirbel stärker mit dem Becken verbunden
war. Dieser Befund wird als einseitige Sakralisierung des Schaltwirbels
bezeichnet.
Auslöser für fehl gebildetes Hüftgelenk
Die Verkippung des Beckens erklärt die unterschiedliche Ausformung
der beiden Hüftgelenke. Dazu einige Vorbemerkungen. Es ist bekannt, dass
sich ein Hüftgelenk nur normal ausbildet, wenn der Oberschenkelkopf
während dem Wachstum ausreichend stark in die Gelenkspfanne gepresst
wird. Dafür verantwortlich ist gesundes Bindegewebe und eine gut
entwickelte Muskulatur. Wenn aber das Gelenk locker ist und der
Oberschenkelkopf aus der Pfanne herausrutschen kann, bildet sich kein
normales Hüftgelenk aus. Die Gelenkspfanne verflacht und das Pfannendach
bildet sich nicht korrekt aus, beides Zeichen einer HD, die zu Arthrose
und damit zu Schmerzen führen kann. Eine derartige Fehlbildung des
Hüftgelenkes kann durch ein verkipptes Becken auf der Seite des
Hochstandes ausgelöst werden. Der Kopf wird vom Pfannendach zu wenig
überdacht, die Pfanne selber wird an ihrem Rand übermäßig belastet und
kann sich nicht richtig ausbilden, das Hüftgelenk wird dysplastisch.
Unterschiedlich schwere HD-Grade
Auf der Gegenseite hingegen ist die Überdachung des
Oberschenkelkopfes überaus gut, sie verhindert ein Herausrutschen aus
der Pfanne, es bildet sich ein gutes Hüftgelenk aus. (Dieser Einfl uss
der Beckenstellung auf die Entwicklung des Hüftgelenks wird übrigens bei
Hunden mit lockeren, aber noch arthrosefreien Hüftgelenken therapeutisch
genutzt in der Methode der Beckenschwenk-Osteotomie oder
Tripel-Pelvic-Osteotomy. Sie verhindert weitgehend eine Arthrosebildung
bei Hunden mit lockeren Hüftgelenken.) Bei Hunden mit einer Veranlagung
zu HD entwickelt sich wegen der unterschiedlichen Überdachung
verschieden schwere HD Grade. Für den Gutachter ist es aber nicht
möglich, zu erkennen, ob der Hund nur wegen seinem schief gestellten
Becken auf der einen Seite ein schlechteres Hüftgelenk ausgebildet hat
oder ob er wegen seiner genetischen Vorbelastung ohnehin zu HD neigt und
deshalb nicht zur Zucht verwendet werden sollte. Welche Schlüsse ziehen
wir aus unseren Resultaten? Wir wissen nun, dass sich die Hüftgelenke
bei Hunden mit einem ausgeprägt asymmetrischen Schaltwirbel gehäuft
unterschiedlich entwickeln. Das stärker veränderte Hüftgelenk kann im
Lauf des Lebens zu Schmerzen führen. Wir be-
werten deshalb einen Hund mit einem Schaltwirbel genau gleich wie einen
Hund ohne Schaltwirbel, obwohl uns bewusst ist, dass möglicherweise
nicht eine HD im Sinne einer genetisch bedingten Fehlbildung des
Gelenkes selber vorliegt. Damit gelten auch dieselben Richtlinien wie
bei Hunden mit «klassischer» HD, sie sollten nicht zur Zucht verwendet
werden. Da ein Schaltwirbel nur bei rund 3,5 Prozent aller Hunde
auftritt und von diesen nur jene gefährdet sind, bei denen der
Schaltwirbel deutlich asymmetrisch ausgebildet ist, verbleiben noch
ganze 1,2 Prozent der untersuchten Hunde als Risikogruppe. Auch von
diesen zeigen nicht alle die beschriebene ungleiche
Hüftgelenksentwicklung, so dass im schlimmsten Fall nur rund 1 von 100
untersuchten Hunden als Folge eines Schaltwirbels aus der Zucht
ausgeschlossen wird. Dieser geringe Aderlass ist in jeder Rasse
problemlos zu verkraften. Allerdings sind bei wenigen Rassen mehr als
3,5 Prozent der Hunde von einem Schaltwirbel betroffen. Bei ihnen muss
der Zuchteinsatz individuell abgeklärt werden. Unbeantwortet ist aber
immer noch die Frage, ob Hunde mit einem Schaltwirbel grundsätzlich zur
Zucht gesperrt werden sollten, da sie eine Missbildung aufweisen, von
der wir vermuten, dass sie eine genetisch Grundlage hat und die
gehäuft zum Krankheitsbild der Cauda equina Kompression führt.
Autoren: Mark Flückiger, Natascha
Damur-Djuric, Joe Morgan, Michael Hässig und Frank Steffen
Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich
Informationen über die Stiftung im Internet unter
www.albert-heim-stiftung.ch
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